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Der Dämon und ich - Textauszug 1 - Der schwarze Turm

Der Dämon und ich – Der schwarze Turm

Ich muss auf der Fahrt eingeschlafen sein, denn als ich erwache hat der Wagen bereits gehalten. Es ist Nacht und ich bin merkwürdig verwirrt, anders, als die mir bekannten Psychopharmaka jemals in meinem Geist wüteten; schwach fühle ich mich und irgendwie wie ein Kind. Als Doe mich auffordert auszusteigen, muss ich erst eine Weile darüber nachdenken, wie ich meine Beine bewegen kann, welcher Gedanke für welches Körperteil, wo die Energie für ihr Genese beheimatet ist. Bestimmte Bereiche meines Gehirn scheinen gelähmt, haben sich mit Vergessen und Farben gefüllt und der Dämon schweigt. Ich spüre, dass er fort ist.

Wie ein Puppenspieler komme ich mir vor, ein Puppenspieler, der immer wieder an den falschen Fäden zieht, dessen Marionette aber ohne Regung bleibt. Wühlen zwischen toten Gedanken, dann finde ich eine Erinnerung, stütze mich vorsichtig auf ihr ab und steige mit ruckartigen, abrupten Bewegungen nach draußen. Alles vollzieht sich mit unglaublicher Langsamkeit. Vollkommene Dunkelheit umgibt mich, alles hat seine Farben verloren, fast greifbar schichtet sich das Schwarz um mich herum, doch es findet sich kein Widerstand, wenn ich behutsam mit der Hand durch die Luft streiche. Vor mir erhebt sich ein gewaltiger schwarzer Turm, der von allen Seiten mit grellen Strahlern beleuchtet wird, die sich in ihm kreuzen und bündeln, ihm seine Form geben; ein totaler schwarzer Fleck im Licht der Scheinwerfer, so als wäre ein Stück aus meiner Netzhaut gerissen. „Ein Schatten im Licht", denke ich und kann nicht erklären, warum mir diese Vorstellung Angst macht. Die Fassade ist vollständig mit dunklem Glas verkleidet, dass das Licht in sich hineinzieht, absorbiert und entwertet, es verschluckt. Geräuschlos gleitet ein Metalltor zur Seite, dass außerhalb des Lichtkegels im Verborgenen gelegen hatte.Vorwärts geht es, apathisch starren und marschieren. Der Beton unter unseren Füßen ist seltsam weich, schluckt alle Geräusche, wieder geht es durch ein Tor, dass von einigen Soldaten bewacht wird, die salutierend beiseite treten und uns eine Gasse bilden. Dann haben wir den Lichtkegel erreicht. Auf einmal ist es taghell. Doe ignoriert die Soldaten, sein Blick ist starr nach vorne gerichtet, dorthin, wo der Eingang zu dem schwarzen Turm liegen muss. Immer weiter schiebt er sich uns entgegen und wächst ins Unermessliche, dann bleiben wir vor der glatten Wand stehen und ich streiche bewundernd mit den Fingerkuppen über die kalte Oberfläche. „Doe", sagt Doe zu dem Turm und aus dem Nichts antwortet eine ernsthafte Frauenstimme „legitimiert", worauf ein Stück der Wand beiseite gleitet und so den Blick in einen breiten Korridor ermöglicht.

 

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3.4.08 17:58


Die Kunst des Starrens - Textauszug - Gerechtigkeit

Die Kunst des Starrens - Gerechtigkeit

„Meinst Du, dass unser Staat gerecht ist?", frage ich Olaf, den Sohn des Apothekers, als wir auf einer Parkbank sitzen und gemeinsam starren und denken.

„Ich weiß nicht", antwortet dieser und nachdem wir eine Weile geschwiegen und dabei gestarrt, gestarrt und dabei gedacht haben, kommt mir eine Idee.

„Kann ein Staat denn überhaupt gerecht sein", frage ich mich und dann, nachdem ich den Gedanken eine Weile durchdacht und dabei gestarrt habe, sage ich zu Olaf, dem Sohn des Apothekers:

„Ich glaube nicht, dass ein Staat gerecht sein kann, wenn nicht die Summe der Bürger, die ihn bildet gerecht ist."

„Aber was ist mit der Institution Staat ?", fragt Olaf, der Sohn des Apothekers,

„ist es nicht vielmehr die Frage, ob es eine institutionalisierte Gerechtigkeit gibt?"

,fragt er weiter und streicht sich dabei unbewusst über seine Mütze, was mich dazu verleitet, ebenso unbewusst über den Schirm meiner Mütze zu streichen, während wir starren und denken.

„Man kann den Staat nicht personalisieren, ebenso wenig, wie man Gerechtigkeit institutionalisieren kann", sage ich darauf zu Olaf, dem Sohn des Apothekers,

„weil ein Staat letztendlich nicht mehr als ein Volk, ein Volk mit einer Verfassung ist.

Wenn aber das Volk gerecht ist, so ist es auch der Staat. Man sollte also selbst gerecht sein, anstatt Gerechtigkeit von einem Konstrukt zu fordern."

„Wenn also der Staat nicht gerecht ist", sage ich zu Olaf, dem Sohn des Apothekers, dann bedeutet das doch nur, dass wir, das Volk, nicht gerecht sind."

Hierauf schweigen wir eine Weile, schweigen, denken und starren unseren Gedanken hinterher.

„Leviathan", sagt Olaf, der Sohn des Apothekers nach einer Weile und erhebt sich von der Bank, während ich weiter sitzen bleibe, über Gerechtigkeit nachdenke.
„Leviathan", sagt er noch einmal, dann erhebe auch ich mich und wir gehen zurück in die Apothekerssohnwohnung von Olaf, dem Sohn des Apothekers.

 

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3.4.08 18:00


Gefangen - Textauszug - Im Lager

Gefangen - Auszug  - Im Lager

Es war ein durchaus imposantes Anwesen, auf das sie zurollten, als sie eine kleine Einfahrt durchquert hatten. P, der vorher noch nie die engen Grenzen des ländlichen Lebens überwunden  hatte und für den das nahe gelegene Rumptal, in das sie die Kartoffeln auf den Markt brachten, stets eine große Stadt gewesen war, konnte fast nicht begreifen, dass dieses riesige Haus, die Parkanlagen und weit gestreckten Gärten im Besitz von nur einer einzigen Person sein konnten. Mächtige Säulen stützten das Vordach, unter denen hindurch ein Schotterweg in den Vorhof führte. Das ganze Haus war höher als der Kirchturm in Rumptal, in dessen Schatten er mit dem Vater auf dem Marktplatz gestanden hatte. Große grüne Büsche begrenzten die breiten Wege, in die der Gärtner kunstvolle Formen und Figuren geschnitten hatte. Ein Drachen stand dort zum Beispiel, der mit aufgerissenem Maul auf den Betrachter hinunter starrte, aber auch einige grüne Elfen reihten sich um einen Springbrunnen, von dem ein beruhigendes Plätschern ausging. Der Wagen kam vor einem gewaltigen Haustor zum Stehen, vor dem sich bereits eine stattliche Anzahl von Bediensteten versammelt hatte, um den Hausherrn zu begrüßen. Auch P. wurde von allen betrachtet, als er nach dem Professor mit gesenktem Haupt aus dem Automobil stieg, und in nicht wenigen Blicken glaubte P. Mitleid zu erahnen, das nur zur Tarnung hinter Geringschätzung verborgen war.

Wortlos durchschritt der Professor die kleine Ansammlung, trat dann zu einem älteren Mann, der eine besonders schön geschnittene Pagenuniform trug, flüsterte diesem einige Worte zu und wies dabei mit der Hand auf  P., der ein wenig verloren bei den Bediensteten stehen geblieben war. Dann verschwand er durch eine Tür und während sich die kleine Menschenmenge auflöste und wohl jeder seinen Beschäftigungen nachging, ging P. zu dem alten Pagen hinüber, den er aufgrund des beobachteten Gesprächs als seinen Ansprechpartner verstand.

„Du bist also der Neue", sagte der Page anstelle einer Begrüßung und P, der es nicht anders erwartet hatte, senkte nur demütig den Kopf.

Darauf wies er P. mit einer Handbewegung an ihm zu folgen und begann in großen Schritten um das Haus herumzugehen. Viele ihm unbekannte, wohl exotische Blumen leuchteten in der Mittagssonne, als sie über die Wiese schritten, und P. versuchte sich möglichst viele der fremden Düfte zu merken, um einmal in einem traurigen Moment von ihnen zu zehren, doch als sie das Haus etwa zur Hälfte umrundet hatten, mischte sich ein unangenehmer Geruch in die Blumendüfte und nach einigen weiteren Schritten konnte P. dessen Ursprung erkennen. Hinter dem Haus, exakt so angelegt, dass dies alles vom Vorplatz her nicht sichtbar war, umspannte ein großer Zaun einige traurige Baracken, die sich geradezu vor dem Haus in den Schlamm beugten.

War der Rasen vor dem Haus in einem einwandfreien, gepflegten, geradezu peniblen Zustand, breiteten sich hier große Schlammlachen in den kranken gelbgrünen Gras aus. Immer stärker drang P. der unangenehm scharfe Geruch von Urin und anderem Unrat in die Nase und je näher sie einem rostigen  Tor kamen, dessen Oberkante mit Stacheldraht umwickelt war, desto schlimmer wurde es.

Ohne ein Wort zu sagen schob der Page einen großen Schlüssel in ein verrostetes Schloss und die Tür sprang auf. Alles in P. sträubte sich, weiter durch die offene Tür hinein in den Gestank zu gehen, doch der Page war stehen geblieben und ließ ihm den Vortritt, so dass an Flucht nicht zu denken war.

„Du gewöhnst dich schon dran", sagte er versöhnlich, packte aber dann doch kräftig zu, stieß P. nach vorne und mit einem abschließenden Tritt durch die Tür, dem man anmerkte, dass er bereits öfter und mit einiger Routine getreten war.

*

Es gelang P. sein Stolpern abzufangen und so kam er taumelnd vor einer großen Schlammlache zum Stehen, während sich hinter ihm die Tür schloss. Sorgsam horchte er, ohne sich umzudrehen, auf die sich entfernenden Schritte des Pagen durch den schlammigen Grund, dann, als er sich allein fühlte, begann er zu weinen und vergoss einige Tränen über sein großes Unglück, das ihn an diesen Ort geführt hatte. Hätte er sich doch abgewandt, als er die glitzernden Karossen das erste Mal sah, hätte er sich doch abgewandt und wäre zurück zum Vater gerannt. Jede Strafe, die er  kannte, hätte er gerne erduldet, nur um sich dieses Schicksal zu ersparen, doch nun stand er hier, mitten in diesem Gestank, verlassen und verloren. Suchend blickte er sich zum ersten Mal genauer in dem abgezäunten Bereich um, denn vielleicht gab es hier ja jemanden, der sein Schicksal teilte. Drei Baracken waren es, die windschief, irgendwie aneinanderkonstruiert aus dem  Schlamm aufragten, zusammengesetzt aus groben Balken, durch die wahrscheinlich im Winter der Wind pfiff. Rechts daneben war aus einigen losen rohen Brettern ein kleiner Abort zusammengeschreinert worden, von dem wohl auch ein Großteil des Gestankes ausging. So wischte sich P. die Tränen aus den Augen  -wer immer ihm hier begegnen würde, sollte ihn nicht als Schwächling kennen lernen- und trat vorsichtig zu der ersten Baracke. Eine schiefe Tür gab quietschend nach und entließ ihn in einen schummrig dunklen Raum, in dem einige Gestalten um eine Kerze herum auf dem Boden saßen und flüsternd miteinander sprachen.

„Guten Tag, die Herren", sagte P. in ihre Richtung und trat ein wenig von der Tür weg, damit sie ihn nicht besser sehen konnten als er sie.

Sie erwiderten seinen Gruß nicht, sie lachten über ihn, aber es waren seltsame ihm fremde Laute, die er nur aufgrund ihrer Intensität als Lachen zu deuten wusste. Langsam gewöhnten sich seine Augen an das Licht und er konnte erkennen, dass es drei Männer waren, die ihn nun interessiert betrachteten. Zwischen ihnen saß eine wohl junge, aber dabei seltsam gealtert erscheinende Frau, die mit einem fast tierisch leeren Blick in die Kerze starrte. P. zweifelte keinen Moment daran, dass die Frau stumpfsinnig war, und erst als er genauer hinsah, erkannte er zu seinem Schrecken, dass die drei Männer mit ihren Händen ganz ungeniert die Frau betasteten, was diese still und ohne sichtbare Gefühlsregung duldete. Beschämt wandte sich P. ab. So etwas hatte er noch nie gesehen. Sein kleines Heimatdorf war fernab der größeren Städte gelegen und die einzige attraktive Frau, überhaupt die einzige jüngere Frau, die er kannte, war Klara, das Mädchen aus dem Gasthof, gewesen. So hatte er während seiner Pubertät wohl auch oft an sie gedacht und sich in wirren Träumen vorgestellt, wie sie gemeinsam auf seinem Bett lagen und sich durch die Haare strichen, doch abseits dessen hatte er nie viele Gedanken an die Fleischeslust verschwendet und umso mehr schockierte ihn das hemmungslose Gebaren dieser Männer. Hinzu kam, dass die Frau ja wohl stumpfsinnig und somit wehrlos gegen die gemeinen Betastungen ihrer Weiblichkeit war. Alles in P. drängte ihn, sich dieses hilflosen Geschöpfes anzunehmen, doch er sah ein, dass diese Männer, die dort im Kerzenschein saßen, ungleich roher und somit wohl auch brutaler waren als er selbst, und es lag ihm fern, sich direkt zu Beginn seiner Gefangenschaft noch zusätzlich Feinde zu machen. So wollte er sich bereits abwenden und mit raschen Schritten die Baracke verlassen, aber anscheinend hatte er nun doch das Interesse der Männer geweckt, die von der Frau abließen und zu ihm an die Tür traten. Raue Gesellen waren es, solche, wie er sich immer die Insassen in den Zuchthäusern vorgestellt hatte. Die Verwegenheit des Verbrechers, die Gefühlskälte des Meuchelmörders lagen in ihren Zügen und er musste zunächst eine Welle der Panik niederkämpfen, bevor er seinen Körper einigermaßen straffte und den Männern mit erzwungener Ruhe entgegensah, die ihn schnell umringt hatten.

„Du willst wohl auch mal der Gisela in den Schritt greifen", rief einer der rohen Gesellen und als P. nicht in das ekelhafte Lachen einstimmte, verstarb es und wich einer drohenden Stille.

„Gisela gehört uns", sagt ein anderer, der etwas kleiner und schmächtiger als seine Kameraden wirkte, ihnen aber in seiner Verschlagenheit um nichts nachstand.

„Wenn du sie willst, dann musst du bezahlen."

P. sah ein, dass er etwas sagen musste, und da er es nach einigen Augenblicken verworfen hatte, seinen Vorteil am Körper dieser armen Kreatur zu suchen, versuchte er das Thema zu wechseln.

„Ich habe einmal eine ganze Fuhre Äpfel gestohlen", prahlte er, da es an diesem Ort von Nutzen schien, die üblen Seiten des Charakters herauszustellen.

Nun wussten die anderen anscheinend nichts mit seinem plötzlichen Geständnis anzufangen, von dem er gehofft hatte, dass es ihm in dieser Notlage Verbündete bringen würde, und er hatte auch übertrieben, denn die Äpfel waren damals nach Marktschluss auf dem Pflaster liegen geblieben, hatten scheinbar niemandem gehört und waren zum größten Teil auch verfault und wurmstichig gewesen.

„Ich habe mal einem Kind die Kehle durchgeschnitten", sagte der dritte Fremde, ein  hagerer Geselle, der bisher noch kein Wort gesprochen hatte, und alleine die Vorstellung brachte P. zum Erbleichen.

„Seid ihr Verbrecher?", fragte er vorsichtig, und lächelnd gestand einer nach dem anderen ein, dass er ein Verbrecher sei, überdies rühmten sie sich sogar mit ihren Taten.

„Mir schwirrt ein wenig der Kopf", sagte P, als es immer mehr und immer grausamere Details wurden, die an sein Ohr drangen und vorsichtig trat er wieder hinaus aus der Baracke. Keiner folgte ihm und er war für einen kurzen Moment ein wenig erfreut, diese unangenehmen Zeitgenossen losgeworden zu sein. Fast hatte er sich auch bereits an den Gestank gewöhnt, den er zwar noch roch, aber auch irgendwie überroch. Er trat zu den anderen zwei Baracken und versuchte sie zu öffnen, doch beide waren von innen verriegelt und es drangen die derbsten Flüche zu ihm nach draußen, die es von vornherein unratsam erscheinen ließen, noch länger um Einlass zu bitten. Zweimal umrundete er die Baracken und suchte dann nach einem trockenen Platz, der es zuließ ein wenig zu verweilen, doch überall war der Boden nass und schlammig. Irgendwann ließ er sich einfach dort wo er war zu Boden sinken, versuchte die Feuchtigkeit zu ignorieren, die durch seine Kleidung drang, schlief schließlich  ein und träumte von den Erzählungen der Verbrecher und von der stumpfsinnigen Gisela.
3.4.08 18:03


Der alte Mann und die Finsternis - Textauszug - Kapitel 10

 

„Ich habe ihr immer Blumen gekauft",

sagt er als wir bereits wieder über die Allee schreiten,

„Blumen gekauft und neben das Bett gestellt, damit sie sehen konnte, wie sie welken. Oft habe ich sie auch darauf hingewiesen, nicht mit Worten, aber mit einem Fingerzeig. Ich habe dann über die welke tote Blüte gestrichen, ebenso, wie ich zuweilen mit der Hand über ihre welke, tote Haut gestrichen habe. Nur so konnte ich ihr deutlich machen, dass sie nicht mehr erwünscht war, dass sie aufhören soll zu kämpfen. Manchmal hat sie versucht sich aufzusetzen und dann musste ich sie schlagen, verstehen Sie, man braucht keine große Kraft, um den Willen einer todkranken Frau zu brechen, es reicht eine gewisse Finsternis, meine Finsternis, und ich besaß immer genug Finsternis für uns beide.

‚Es geht auf zur Hölle'

habe ich manchmal gesagt, wobei ich ansonsten geschwiegen habe, eigentlich immer geschwiegen habe,

als ich sie noch nicht belog. Auch der Geschlechtsakt war verlogen, können Sie es sich vorstellen, ein Geschlechtsakt, bei dem ihr jede Bewegung schmerzte, jede Bewegung Qual war, ein Geschlechtsakt als Pflichterfüllung, denn sie kannte ihre Pflichten, kannte sie bis zuletzt, diese Hure. Ich war immer so zornig, wenn ich sie gefickt habe, ja, ich sehe es, ich habe es vor Augen, sehen Sie es auch? Ich war immer so zornig, weil mich der Geschlechtsakt an ihren Betrug erinnert hat, weil jeder Geschlechtsakt Betrug war, wenn nicht sogar insgesamt jeder Geschlechtsakt Betrug ist, verstehen Sie, Betrug. Milliarden von Samen habe ich in meinem Leben auf und in ihr vergossen, Finsternis gesät, warten Sie, sehen Sie den Mann dort vorne?"

Er weist mit der Hand auf einen Obdachlosen, der am Straßenrand in sich zusammengesunken eingeschlafen ist, der noch nicht dort war, als wir zum Friedhof gingen.

„Kommen Sie",

sagt er und wir treten zu der traurigen Gestalt, die dort sitzt, wie auf den Asphalt gegossen.

„Was sind Sie nur für eine traurige Gestalt?",

sagt der alte Mann und ich blicke mich auf der Straße um, weil mir die Situation unangenehm ist, weil ich nicht will, dass man uns beobachtet, aus den unzähligen Fenstern heraus, die in unsere Richtung blicken.

„Hören Sie mich",

sagt er und stößt den Obdachlosen mit der Hand grob gegen die Schulter.

„Ich kenne Sie, oh ja, ich kenne Sie."

*

„Wenn man alt ist und in unseren Zeiten lebt",

sagt er zu mir,

„dann kennt man viele Menschen aus dem Krieg, kennt Sie als Täter, Verräter oder einfach als Opfer. Dieser Mann hier war ein Täter und in seiner Eigenschaft als Täter ebenso Opfer. Ist es nicht so?",

sagt er zu dem Obdachlosen, der langsam zu sich kommt, den Kopf aufrichtet, uns betrachtet.

„Dieser Mann war bei der Gestapo",

sagt er, nun mehr zu sich selbst,

„verstehen Sie die Ironie des Lebens? Damals gab es keine Obdachlosen, weil es die Gestapo gab und weil die Obdachlosen entweder zur Gestapo befördert oder von der Gestapo erschossen wurden. So ist das Leben, Fortuna, es tauscht die Rollen und nun sehen Sie sich dieses arme Geschöpf an. Ich verachte Sie",

fährt er den Obdachlosen an und tritt ihm mit dem Bein in die Seite.

„Wir sollten weitergehen",

sage ich, blicke mich immer wieder um, doch niemand kümmert sich um uns, obwohl ich sicher bin, dass man uns beobachtet.</p>

„Wo ist Ihre Disziplin geblieben?",

ruft er empört und tritt noch einmal nach dem hilflosen Mann, dessen Gesicht vor Schreck erstarrt ist und der uns seine schmutzigen Hände sich verteidigend entgegenreckt.

„Ich glaube an die Finsternis",

predigt der alte Mann, wobei er noch immer streng nach unten sieht, wie ein zorniger Richter,

„auf dass es keine andere Finsternis neben ihr gebe, und kein Sabbat ist mir heilig, ich habe nie meine Eltern geehrt, ich habe die Ehe gebrochen, gestohlen, ich habe meine Frau belogen, belogen habe ich sie, jeden Knecht, jede Magd, jedes Kind, jeden Esel habe ich begehrt, lachen Sie nicht, obwohl mir niemals jemand nahe stand. Begreifen Sie das? Kommt Ihnen das bekannt vor? Aber ich gehe aufrecht. Ich habe diesen Mann morden sehen, habe gemeinsam mit ihm gemordet, doch heute gehe ich aufrecht, während er zu nichts als zu einem bettelnden, schwachen Stück Fleisch verkommen ist. Wollen Sie Geld?",

fragt er plötzlich den Obdachlosen und lacht ein böses Lachen, als dieser immer wieder nickt, bittend seine Hände hochhält, die gerade noch zur Verteidigung  vorgestreckt waren.

„Verstehen Sie",

sagt er zu mir,

„begreifen Sie, wie determiniert er ist, unabhängig davon, dass jeder und alles determiniert ist, erscheint mir doch dieses Objekt am determiniertesten.

Ich brauche nur ‚Geld' zu sagen und er ist mir hörig, verstehen Sie, er ist meine Hure, und dieser Mann war einmal mein bester Freund, soweit es so etwas wie Freundschaft überhaupt gibt."

Er spuckt auf den Boden, denkt kurz nach und spuckt dann noch einmal aus, auf den Obdachlosen.

„Sehen Sie, dieser Mann ist ein seltsamer Grenzfall. Er ist seinen Trieben gefolgt, hat ein unreines Leben geführt, so wie ich, aber er ist doch schwach, schwächer als ich, verstehen Sie? Deshalb empfindet er Schuld, weil er diese Schuld nicht früh genug in seiner Finsternis versenkt hat, weil er seine Schuld erkannt, aber nicht versenkt hat. Würde ich eine Waffe bei mir führen, hätte ich ihn erschossen, ohne Wort, ohne Bedeutung, so wie man eine Dose öffnet oder das Licht anschaltet und glauben Sie mir, er wäre mir dankbar gewesen. Er sitzt dort und wartet auf eben diese Kugel, die ihm verwehrt bleiben wird. Ich habe keine Waffe, weil sich die Zeiten geändert haben, weil niemand mehr die Straßenränder von jenen säubert, die finster, aber zu schwach sind. So muss er weiter hier sitzen bleiben, weiter sitzen und frieren, weiter sitzen und hungern, weiter sitzen, bis er stirbt, angewiesen auf Barmherzigkeit und Heuchelei."

Er streicht ihm mit der Hand durch das feuchte, schweißnasse Haar, krallt dann plötzlich seine Hand darin zusammen und zieht ihn ein Stück zu sich empor, so dass sie sich in die Augen blicken.

„Es geht auf zur Hölle",

sagt er,

„auf zur Hölle derer, die schwach sind. Grüßen Sie meine Frau!",

sagt er, wendet sich ab und wir gehen weiter

*
Wir gehen gerade an einer Kirche vorbei, als er plötzlich anhält, einen Moment nachdenkt und mich dann ansieht:

„Lassen Sie uns in die Kirche gehen",

sagt er dann,

„ich möchte beichten!"

Ich nicke und er lacht.

„Nein. Glauben Sie es im Ernst? Warum sollte ich beichten?  Ich lebe gar nicht mehr lange genug, um alle meine Sünden zu beichten. Warum sollte ich damit beginnen?, wo es doch auch keine Sünden gibt, wo alles Natur ist, nein, ich finde es zuweilen lustig die Menschen zu beobachten, die dort beten, ja, zuweilen ist es mir eine große Freude, sie dort zu beobachten, wenn sie beten, verstehen Sie, es bringt mich zum Lachen, kommen Sie, nun kommen Sie schon. Ich werde Sie nicht enttäuschen."

*

„Manchmal denke ich an meine Tochter",

sagt er, als wir auf einer der hinteren Bänke in der fast leeren Kirche sitzen. Es ist kalt hier, so wie es meist kalt in Kirchen ist, und ich blicke mich um, betrachte den Kreuzweg, die bunten Fenster, die vielen Kerzen.

„Ich denke an meine Tochter, aber ich habe kein Bild von ihr in meinem Kopf, verstehen Sie, ich stelle mir manchmal vor, wie sie wohl aussieht, meine Tochter, und dann frage ich mich, ob sie wohl einen Teil meiner Finsternis geerbt hat, ob auch sie Finsternis in sich trägt. Verstehen Sie die Brisanz dieser Frage? Wird meine Finsternis mit mir absterben, vergehen, an dem Tag, an dem sich meine Krankheiten gegen mich verbünden, oder ist es mir gelungen einen Teil weiterzugeben? Es sind jene Momente, jene heuchlerischen weil religiösen Momente, in denen ich mich frage, was mit meiner Finsternis geschieht, wenn ich sterbe, jene Finsternis, deren Kleid ich so sorgsam mein Leben lang gewoben habe. Es sind meine schwächsten Momente, in denen ich so denke, denn es ist falsch so zu denken, weil ich ja auch zweifle, zweifle, ob meine Finsternis tatsächlich einzigartig ist. Sie ist finster, das steht außer Frage, aber ist sie vielleicht nur für mich einzigartig. Ich weiß es nicht. Wie sollte ich es wissen? Verstehen Sie, nach meinem Tod wird sie also erst recht nichts Besonderes mehr sein, ihre Einzigartigkeit verlieren, aber wird es sie noch geben?"

Dann lacht er.

„Lassen Sie uns ein Licht entzünden, dort vorne",

ruft er und weist mit der Hand auf einen schwarzen Tisch mit Lichtern.

„Lassen Sie uns ein Licht für meine Finsternis entzünden",

ruft er noch einmal, diesmal so laut, dass seine Stimme hohl von den Wänden zurückgeworfen wird.

*

„Ich trage solchen Zorn in mir",

 sagt er, als er behutsam ein Licht an einem anderen entzündet.

„Begreifen Sie diesen Zorn?",

fragt er mich und ich weiß nicht, ob ich nicken oder mit dem Kopf schütteln soll.

„Sehen Sie dieses gewaltige Haus, das man für eine Lüge errichtet hat, und es gibt unzählige solcher Lügenhäuser, überall auf der Welt. Verstehen Sie diese Heuchelei? Man predigt Barmherzigkeit, während sich die Menschen auf den Straßen zusammenrotten, auf den Straßen hungern, auf den Straßen frieren, die Straße prostituieren mit ihrer Armut, doch man errichtet Lügenhäuser für Geister, Lügenhäuser für Geister überall auf der Welt, so viele Lügenhäuser, dass es ein Leichtes wäre, den Armen, den Schwachen dieser Welt dort Schutz vor dem kalten Wind unserer Zeit zu bieten, aber es sind eben die Schwachen, die Armen, die ihr prostituiertes, ihr erbetteltes Geld in die Kollekte werfen, in die Kollekte für neue Lügenhäuser.

Absolution für den Papst",

schreit er, doch es ist niemand da, der auf uns achtet.

Dann ist er auf einmal wieder ganz ruhig.

„Vielleicht sollte ich, falls sich meine Krankheiten einmal gegen mich verbünden, mein gesamtes Hab und Gut der Kirche spenden, damit sie noch mehr dieser Lügenhäuser errichtet. Was meinen Sie?",

fragt er mich und lacht.

„Es ist finster hier",

sagt er dann,

„vielleicht fühle ich mich deshalb manchmal heimisch, wenn ich durch diese Pforten schreite, finster ist es hier, und mit jeder Kerze, die hier brennt, wird es finsterer.

Verstehen Sie, die Finsternis hat nichts mit dem Licht zu tun, das habe ich Ihnen doch erklärt",

sagt er und entzündet eine weitere Kerze.

 

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3.4.08 18:06


Carl Mohnhaupt - Textauszug - Die Geigenpassage

Carl Mohnhaupt - Auszug - Die Geigenpassage

Ich warte noch ein wenig, bis ich glaube, dass ich mir ihrer Aufmerksamkeit tatsächlich sicher sein kann und wirklich breitet sich, nach einigen energischen Blicken meinerseits und dem einen oder anderen stummen, entschuldigenden Nicken ihrerseits eine fragile aber fast vollständige Ruhe aus. Ich habe mich ein Stück abseits von ihnen gestellt, die Augen nun geschlossen und versuche meinen Platz in dieser Ruhe zu finden. Diese Ruhe ist mir wichtig und genauso, wie die geschlossenen Augen, Teil meines Rituals, dass ich unbedingt benötige, bevor ich spiele, weil ich es immer so getan habe. Bereits in den Anfängen meines Spiels, damals, als das Wort Ouvertüre noch fremd und unbegriffen war, habe ich es so getan, die Augen geschlossen, bis ich in der Stille den Anfang meiner Melodie fand. Ab diesem Punkt war es mir immer egal wer vor mir saß, die Großeltern, ohne Regung, Arm in Arm, wie in Stein gegossen, die Mutter, die bereits bei den ersten Klängen ihre Tränen der Rührung nicht mehr zurückhalten konnte, der Vater, dessen Aufmerksamkeit ich mir nie wirklich gewiss sein konnte und der gerne die Zeit während meines Spiels nutzte, um sich noch einige berufliche Details, die ihm dann oft einfielen, in sein Notizbuch zu notieren, der Geigenlehrer, der immer im Takt mit seinem Stock durch die Luft fuhr, wie um die Fehler und Ungenauigkeiten aus dem Stück zu fischen.

Alle diese Gesichter verschwammen stets, wenn ich die Augen schloss, wurden blasser und farbloser, bis sie in ihre kleinsten Pigmente zerfielen und es nur noch mich gab, mich und die Melodie, die nur aus der vollkommenen Stille heraus erwachsen konnte und bis heute kann. Gerade habe ich den Moment gefunden, nähere den Stock vorsichtig, aber bereits in Erwartung des ersten Tones den Saiten an, als ein seltsames Geräusch meine Konzentration zerreißt und ich den Geigenstock wieder sinken lasse. Die wundersame Leere, das absolute Schwarz in meinem Blick implodiert und obwohl ich die Augen noch immer geschlossen halte, die Lider sogar noch fester aufeinander presse, sehe ich Kalinka vor mir und wie ein besonders ekelhafter Schluckauf ihren Körper zum Schwingen bringt, und dann wieder dieses Geräusch, wie das Gebelle eines vergifteten Hundes. Ich warte noch einen Moment, hoffe, dass das Dunkel zurückkehrt, die Stille, die Konzentration, die ich benötige, doch da ist es wieder, dieses Geräusch und als würde es nicht reichen, um ihre Taktlosigkeit zu verdeutlichen, bricht sie auf einmal in ein stockendes Lachen aus, so wie man lacht, wenn man die betretene Beklemmung der anderen in etwas anderes verwandeln möchte und sei es auch nur Mitleid, aus dem heraus die anderen über die Makel ihres Körpers lachen. Und immer noch lacht Kalinka, hell und tief, zart und rau, immer wider durchbrochen, von jenem Glucksen und tiefen, pfeifenden Atemzügen, mit denen sie Luft durch ihre beengten Lungenflügel presst. Ich hätte es wissen müssen und wahrscheinlich habe ich es gewusst, weiß es jetzt und denke, wie wahnsinnig doch diese Hoffnung war, dass es möglich wäre ein Stück Kultur in diese dekadente Gesellschaft zu tragen, doch ich will auch nicht aufgeben, möchte nicht diese Partitur, die Note um Note ihren Platz in meinem Herzen gefunden hat, vor diesen tierischen, schamentleerten Lauten verstecken, die aus dem Magen von Kalinka, diesem Hohlkörper der Boniertheit in die Stille des Raumes dringen. So warte ich, halte meine Augen geschlossen, lausche auf die harten, klopfenden Geräusche, als wahrscheinlich der General mit der flachen Hand auf ihren Rücken schlägt und wünsche mir, dass er fester schlägt, dass er den Punkt in ihrem Rückrad findet, an dem dieser monströse Körper verwundbar und schwach ist, die Achillesferse dieses Drachens und dann ist es auf einmal still, zwei Sekunden, drei Sekunden und ich begreife meine Chance, setze den Stock an, lasse ihn über die Saite gleiten und genieße jenen ersten Ton, der immer der gleiche ist, weil er sich zu erhaben aus dem Instrument erhebt, um klassifiziert zu werden. Schnell findet jeder Finger seinen Platz, jene vertraute Stellung, in der sie Tausende von Malen die Saiten strafften, führe den Bogen, ziehe den Ton in die Länge, so dass der zarte Klang meiner Geige den Raum füllt und ich kann mich konzentrieren, es gelingt mir alles zu verdrängen, was fremd ist und ich öffne die Augen.     

Ich habe den Weg in mein Spiel gefunden, bin eins mit meiner Geige, aus Fleisch wird Holz und aus Holz wird Fleisch, ich habe das Gefühl richtig zu handeln, jene Genugtuung die entsteht, wenn man die schwierigen Passagen meistert, improvisiert, Töne trifft, die so schwer zu treffen sind und als mein Blick über die Gesellschaft streicht, erkenne ich, dass dies in Teilen auch wahrgenommen wird. Die Frau des Architekten, die augenscheinlich am meisten Verständnis und Zugang zur klassischen Musik besitzt, bekommt feuchte Augen, die Gastgeberin folgt mit dem Kopf dem vorgegebenen Takt selbst der General schenkt mir ein huldvolles Lächeln, dass so viel besagt, dass mein Spiel ihn zumindest nicht stört. Auch Kalinka hat ihren Schluckauf überwunden und glotzt mich an wie ein Schimpanse, den man unversehens mit seinem eigenen Spiegelbild konfrontiert und wieder schließe ich die Augen, bereite mich auf den schwierigsten Teil des Stückes vor, jene Passage, in der ich nicht nur jeden einzelnen Ton, sondern auch Lautstärke und Tempo in kompliziertester Kombination zur Harmonie führen muss und kann und dann kommt er, jener Moment, in dem ich mich in meinem Spiel verliere, jener Zustand, der immer der Bote höchster Kunst ist, jenes Gefühl, dass ich keinen Einfluss mehr habe, nichts mehr bin als ein Medium, dass die Eingebung von irgendwo empfängt, um sie unbegriffen, unreflektiert und rein, an die anderen weiterzugeben, die keinen Zugang zu jenem Ort haben, der für mich Inbegriff jeglicher Form von wahrer Inspiration ist, meine Gedanken sind weit fort, mein Körper mechanisch, jene göttliche Leere umfängt mich und gibt jeder Reflexion freies Spiel. Ich erinnere mich, wie ich durch den Wald renne, hinter mir sind Stimmen, viele Stimmen, die meinen Namen rufen, die meinen Namen schreien, überall ist das Knacken von Ästen und das Brechen von Zweigen unter feindlichen Kinderfüßen. Es ist mein Vorteil, dass ich den Wald kenne, seine Verstecke kenne, doch vielleicht ist es auch mein Fluch, da ich ansonsten nicht flüchten müsste. Ich kenne die Gesichter derer, die mir folgen, kenne sie alle, denn es sind meine Schulkameraden, diejenigen, die mich hassen, weil ich schwach bin, genau wie diejenigen, die mich jagen um sich zu profilieren, zu zeigen, dass sie stark sind, eben wie jene, die es aus Langeweile tun. In der Nähe höre ich bereits den Bach, der am Eingang meines Versteckes den Wald in zwei Teile schneidet und den man ohne weiteres mit einem beherzten Sprung überwinden kann, renne, atme Feuer, Hügel empor, Hügel hinunter, kein Blick nach hinten, weil ich weiß, dass sie dort sind, stolpere fast über eine Wurzel, doch ich fange den Sturz ab, weiche einem tiefhängenden Zweig aus, Schlamm spritzt über meine nackten Schienbeine. Dann, endlich, erreiche ich mein Versteck, renne einfach weiter, hinein, durch tiefhängende Äste und Dornenranken, die blutige Kratzer in mein fliehendes Fleisch reißen, lasse mich fallen, lausche auf meinen keuchenden Atem, der sich in der Geborgenheit des Versteckes langsam beruhigt, lausche auf die Rufe der anderen, die sich in die verschiedensten Richtungen zerstreuen, rolle mich zusammen, wie ein verwundetes Tier, weine dicke, salzige Tränen, spüre, wie sich mein Körper langsam beruhigt und träume davon einmal jener zu sein, der jagt, Teil jener zu

sein, die gemeinsam ihr Opfer hetzen.

„Ich möchte mich nie wieder verstecken",

denke ich, atme tief durch und setze den Geigenstock ab, öffne die Augen und blicke in die Gesichter der versammelten Gesellschaft.

 

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3.4.08 18:09


Alleine am See

Alleine am See

Alleine am See, mit Stift und Papier,

blicke ich weit hinaus, über die glitzernden Wellen,

erinnere mich, wie ich jung war,

genau hier saß und geangelt habe.


Verträumt blicke ich hinaus, über die glitzernden Wellen,

und mein Auge sucht den Schwimmer,

den ich bereits vor so vielen Jahren,

aus dem Wasser gezogen habe.


Irgendwo muss er doch sein.


Die Sonne blendet meine Augen,

jetzt, wo ich alt bin

und kalt ist mir

geworden, über die Jahre hinweg.


Auch der Boden ist nass,

auf dem ich sitze

und wo dies früher egal

und natürlich war,

ertappe ich mich, wie ich mich dafür schäme,

als alter Mann, alleine, am See zu sitzen.


„Hat dieser alte Mann denn kein Zuhause?",

werden sich die Leute fragen,

die Familien, die den Tag für einen Spaziergang nutzen,

die Jogger, deren Schritte immer wieder,

an meinem Rücken vorbei,

das Ufer umrunden.


„Vieles habe ich erlebt", denke ich,

„doch am liebsten hier gesessen,

alleine am See,

mit Stift und Papier,

um gegen das Vergessen anzuschreiben.


„Einsamkeit", schreibe ich auf einen Zettel

und denke dann,

dass ich mich nicht in mir selbst verlieren darf,

streiche das Wort wieder durch.


„Den Anfang finden", denke ich weiter

und wie so oft,

fällt es mir schwer mich zu konzentrieren.


Enten nähern sich,

im Sturzflug dem Wasser

und gleiten dann,

mit dem verbliebenen Schwung

noch ein Stück über die Oberfläche,

wirbeln den See auf,

der sich schnell beruhigt.


„Einen Stein schleudern", denke ich,

wundere mich,

dass ich es noch nie getan habe,

einen Stein,

so weit wie möglich,

mit aller Kraft die noch da ist

in den See zu werfen,

die Kreise beobachten,

die er zieht, ihnen nachzublicken,

wie sie sich auflösen,

vielleicht nicht einmal sichtbar,

das Ufer unterspülen.


Vorsichtig, nach oben,

der Körper wiegt schwer,

auf der faltigen Hand,

die ein Stück weit,

in den Boden einsinkt;

ich hasse jenes Zittern,

mit dem mein Körper

auf jede Anstrengung antwortet.


Ich ergreife einen Stein,

wiege ihn in meiner Hand,

streiche,

mit runzligen Fingern über

seine glatte Oberfläche.

Ein Kieselstein.


Ein Stück weit

lehne ich mich zurück,

vorsichtig,

um das Gleichgewicht bemüht,

spanne die Muskeln meines rechten Armes an,

atme tief ein,

atme den Wind.


„Flieg kleiner Kiesel,

fliege weit mit meinen Gedanken,

auf das du niemals,

deinen Zenit überschreitest."

 

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3.4.08 18:12


Publikationen



2005:   Der Suizid des Thomas P.

– Verlag C. Rindlisbacher, Salzgitter –

ISBN: 978-3-9810286-4-5    ( 6 Euro   [fair] )

------------>   verlag-rindlisbacher.de


2007:   Projekt Schatten

– CAM-Community And More, Berlin –

ISBN: 978-3-939610-11-3 ( 9,80 Euro  [sehr dünn für den  Preis] )

--------->    communityandmore.

2007:   Maskaron

- Verlag C. Rindlisbacher, Salzgitter –

ISBN: 978-3-9810286-6-9    ( 7,95 Euro  [fair] )

            ----------->  verlag-rindlisbacher.de


2007:   Die Russlandreise

– edition nove, Neckenmarkt –

ISBN: 978-3-85251-137-5   (19,40 Euro  [sorry, teuer!!!] )

            ------------>  editionnove.de

3.4.08 18:24


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