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Gefangen - Textauszug - Im Lager

Gefangen - Auszug  - Im Lager

Es war ein durchaus imposantes Anwesen, auf das sie zurollten, als sie eine kleine Einfahrt durchquert hatten. P, der vorher noch nie die engen Grenzen des ländlichen Lebens überwunden  hatte und für den das nahe gelegene Rumptal, in das sie die Kartoffeln auf den Markt brachten, stets eine große Stadt gewesen war, konnte fast nicht begreifen, dass dieses riesige Haus, die Parkanlagen und weit gestreckten Gärten im Besitz von nur einer einzigen Person sein konnten. Mächtige Säulen stützten das Vordach, unter denen hindurch ein Schotterweg in den Vorhof führte. Das ganze Haus war höher als der Kirchturm in Rumptal, in dessen Schatten er mit dem Vater auf dem Marktplatz gestanden hatte. Große grüne Büsche begrenzten die breiten Wege, in die der Gärtner kunstvolle Formen und Figuren geschnitten hatte. Ein Drachen stand dort zum Beispiel, der mit aufgerissenem Maul auf den Betrachter hinunter starrte, aber auch einige grüne Elfen reihten sich um einen Springbrunnen, von dem ein beruhigendes Plätschern ausging. Der Wagen kam vor einem gewaltigen Haustor zum Stehen, vor dem sich bereits eine stattliche Anzahl von Bediensteten versammelt hatte, um den Hausherrn zu begrüßen. Auch P. wurde von allen betrachtet, als er nach dem Professor mit gesenktem Haupt aus dem Automobil stieg, und in nicht wenigen Blicken glaubte P. Mitleid zu erahnen, das nur zur Tarnung hinter Geringschätzung verborgen war.

Wortlos durchschritt der Professor die kleine Ansammlung, trat dann zu einem älteren Mann, der eine besonders schön geschnittene Pagenuniform trug, flüsterte diesem einige Worte zu und wies dabei mit der Hand auf  P., der ein wenig verloren bei den Bediensteten stehen geblieben war. Dann verschwand er durch eine Tür und während sich die kleine Menschenmenge auflöste und wohl jeder seinen Beschäftigungen nachging, ging P. zu dem alten Pagen hinüber, den er aufgrund des beobachteten Gesprächs als seinen Ansprechpartner verstand.

„Du bist also der Neue", sagte der Page anstelle einer Begrüßung und P, der es nicht anders erwartet hatte, senkte nur demütig den Kopf.

Darauf wies er P. mit einer Handbewegung an ihm zu folgen und begann in großen Schritten um das Haus herumzugehen. Viele ihm unbekannte, wohl exotische Blumen leuchteten in der Mittagssonne, als sie über die Wiese schritten, und P. versuchte sich möglichst viele der fremden Düfte zu merken, um einmal in einem traurigen Moment von ihnen zu zehren, doch als sie das Haus etwa zur Hälfte umrundet hatten, mischte sich ein unangenehmer Geruch in die Blumendüfte und nach einigen weiteren Schritten konnte P. dessen Ursprung erkennen. Hinter dem Haus, exakt so angelegt, dass dies alles vom Vorplatz her nicht sichtbar war, umspannte ein großer Zaun einige traurige Baracken, die sich geradezu vor dem Haus in den Schlamm beugten.

War der Rasen vor dem Haus in einem einwandfreien, gepflegten, geradezu peniblen Zustand, breiteten sich hier große Schlammlachen in den kranken gelbgrünen Gras aus. Immer stärker drang P. der unangenehm scharfe Geruch von Urin und anderem Unrat in die Nase und je näher sie einem rostigen  Tor kamen, dessen Oberkante mit Stacheldraht umwickelt war, desto schlimmer wurde es.

Ohne ein Wort zu sagen schob der Page einen großen Schlüssel in ein verrostetes Schloss und die Tür sprang auf. Alles in P. sträubte sich, weiter durch die offene Tür hinein in den Gestank zu gehen, doch der Page war stehen geblieben und ließ ihm den Vortritt, so dass an Flucht nicht zu denken war.

„Du gewöhnst dich schon dran", sagte er versöhnlich, packte aber dann doch kräftig zu, stieß P. nach vorne und mit einem abschließenden Tritt durch die Tür, dem man anmerkte, dass er bereits öfter und mit einiger Routine getreten war.

*

Es gelang P. sein Stolpern abzufangen und so kam er taumelnd vor einer großen Schlammlache zum Stehen, während sich hinter ihm die Tür schloss. Sorgsam horchte er, ohne sich umzudrehen, auf die sich entfernenden Schritte des Pagen durch den schlammigen Grund, dann, als er sich allein fühlte, begann er zu weinen und vergoss einige Tränen über sein großes Unglück, das ihn an diesen Ort geführt hatte. Hätte er sich doch abgewandt, als er die glitzernden Karossen das erste Mal sah, hätte er sich doch abgewandt und wäre zurück zum Vater gerannt. Jede Strafe, die er  kannte, hätte er gerne erduldet, nur um sich dieses Schicksal zu ersparen, doch nun stand er hier, mitten in diesem Gestank, verlassen und verloren. Suchend blickte er sich zum ersten Mal genauer in dem abgezäunten Bereich um, denn vielleicht gab es hier ja jemanden, der sein Schicksal teilte. Drei Baracken waren es, die windschief, irgendwie aneinanderkonstruiert aus dem  Schlamm aufragten, zusammengesetzt aus groben Balken, durch die wahrscheinlich im Winter der Wind pfiff. Rechts daneben war aus einigen losen rohen Brettern ein kleiner Abort zusammengeschreinert worden, von dem wohl auch ein Großteil des Gestankes ausging. So wischte sich P. die Tränen aus den Augen  -wer immer ihm hier begegnen würde, sollte ihn nicht als Schwächling kennen lernen- und trat vorsichtig zu der ersten Baracke. Eine schiefe Tür gab quietschend nach und entließ ihn in einen schummrig dunklen Raum, in dem einige Gestalten um eine Kerze herum auf dem Boden saßen und flüsternd miteinander sprachen.

„Guten Tag, die Herren", sagte P. in ihre Richtung und trat ein wenig von der Tür weg, damit sie ihn nicht besser sehen konnten als er sie.

Sie erwiderten seinen Gruß nicht, sie lachten über ihn, aber es waren seltsame ihm fremde Laute, die er nur aufgrund ihrer Intensität als Lachen zu deuten wusste. Langsam gewöhnten sich seine Augen an das Licht und er konnte erkennen, dass es drei Männer waren, die ihn nun interessiert betrachteten. Zwischen ihnen saß eine wohl junge, aber dabei seltsam gealtert erscheinende Frau, die mit einem fast tierisch leeren Blick in die Kerze starrte. P. zweifelte keinen Moment daran, dass die Frau stumpfsinnig war, und erst als er genauer hinsah, erkannte er zu seinem Schrecken, dass die drei Männer mit ihren Händen ganz ungeniert die Frau betasteten, was diese still und ohne sichtbare Gefühlsregung duldete. Beschämt wandte sich P. ab. So etwas hatte er noch nie gesehen. Sein kleines Heimatdorf war fernab der größeren Städte gelegen und die einzige attraktive Frau, überhaupt die einzige jüngere Frau, die er kannte, war Klara, das Mädchen aus dem Gasthof, gewesen. So hatte er während seiner Pubertät wohl auch oft an sie gedacht und sich in wirren Träumen vorgestellt, wie sie gemeinsam auf seinem Bett lagen und sich durch die Haare strichen, doch abseits dessen hatte er nie viele Gedanken an die Fleischeslust verschwendet und umso mehr schockierte ihn das hemmungslose Gebaren dieser Männer. Hinzu kam, dass die Frau ja wohl stumpfsinnig und somit wehrlos gegen die gemeinen Betastungen ihrer Weiblichkeit war. Alles in P. drängte ihn, sich dieses hilflosen Geschöpfes anzunehmen, doch er sah ein, dass diese Männer, die dort im Kerzenschein saßen, ungleich roher und somit wohl auch brutaler waren als er selbst, und es lag ihm fern, sich direkt zu Beginn seiner Gefangenschaft noch zusätzlich Feinde zu machen. So wollte er sich bereits abwenden und mit raschen Schritten die Baracke verlassen, aber anscheinend hatte er nun doch das Interesse der Männer geweckt, die von der Frau abließen und zu ihm an die Tür traten. Raue Gesellen waren es, solche, wie er sich immer die Insassen in den Zuchthäusern vorgestellt hatte. Die Verwegenheit des Verbrechers, die Gefühlskälte des Meuchelmörders lagen in ihren Zügen und er musste zunächst eine Welle der Panik niederkämpfen, bevor er seinen Körper einigermaßen straffte und den Männern mit erzwungener Ruhe entgegensah, die ihn schnell umringt hatten.

„Du willst wohl auch mal der Gisela in den Schritt greifen", rief einer der rohen Gesellen und als P. nicht in das ekelhafte Lachen einstimmte, verstarb es und wich einer drohenden Stille.

„Gisela gehört uns", sagt ein anderer, der etwas kleiner und schmächtiger als seine Kameraden wirkte, ihnen aber in seiner Verschlagenheit um nichts nachstand.

„Wenn du sie willst, dann musst du bezahlen."

P. sah ein, dass er etwas sagen musste, und da er es nach einigen Augenblicken verworfen hatte, seinen Vorteil am Körper dieser armen Kreatur zu suchen, versuchte er das Thema zu wechseln.

„Ich habe einmal eine ganze Fuhre Äpfel gestohlen", prahlte er, da es an diesem Ort von Nutzen schien, die üblen Seiten des Charakters herauszustellen.

Nun wussten die anderen anscheinend nichts mit seinem plötzlichen Geständnis anzufangen, von dem er gehofft hatte, dass es ihm in dieser Notlage Verbündete bringen würde, und er hatte auch übertrieben, denn die Äpfel waren damals nach Marktschluss auf dem Pflaster liegen geblieben, hatten scheinbar niemandem gehört und waren zum größten Teil auch verfault und wurmstichig gewesen.

„Ich habe mal einem Kind die Kehle durchgeschnitten", sagte der dritte Fremde, ein  hagerer Geselle, der bisher noch kein Wort gesprochen hatte, und alleine die Vorstellung brachte P. zum Erbleichen.

„Seid ihr Verbrecher?", fragte er vorsichtig, und lächelnd gestand einer nach dem anderen ein, dass er ein Verbrecher sei, überdies rühmten sie sich sogar mit ihren Taten.

„Mir schwirrt ein wenig der Kopf", sagte P, als es immer mehr und immer grausamere Details wurden, die an sein Ohr drangen und vorsichtig trat er wieder hinaus aus der Baracke. Keiner folgte ihm und er war für einen kurzen Moment ein wenig erfreut, diese unangenehmen Zeitgenossen losgeworden zu sein. Fast hatte er sich auch bereits an den Gestank gewöhnt, den er zwar noch roch, aber auch irgendwie überroch. Er trat zu den anderen zwei Baracken und versuchte sie zu öffnen, doch beide waren von innen verriegelt und es drangen die derbsten Flüche zu ihm nach draußen, die es von vornherein unratsam erscheinen ließen, noch länger um Einlass zu bitten. Zweimal umrundete er die Baracken und suchte dann nach einem trockenen Platz, der es zuließ ein wenig zu verweilen, doch überall war der Boden nass und schlammig. Irgendwann ließ er sich einfach dort wo er war zu Boden sinken, versuchte die Feuchtigkeit zu ignorieren, die durch seine Kleidung drang, schlief schließlich  ein und träumte von den Erzählungen der Verbrecher und von der stumpfsinnigen Gisela.
3.4.08 18:03
 


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