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Der alte Mann und die Finsternis - Textauszug - Kapitel 10

 

„Ich habe ihr immer Blumen gekauft",

sagt er als wir bereits wieder über die Allee schreiten,

„Blumen gekauft und neben das Bett gestellt, damit sie sehen konnte, wie sie welken. Oft habe ich sie auch darauf hingewiesen, nicht mit Worten, aber mit einem Fingerzeig. Ich habe dann über die welke tote Blüte gestrichen, ebenso, wie ich zuweilen mit der Hand über ihre welke, tote Haut gestrichen habe. Nur so konnte ich ihr deutlich machen, dass sie nicht mehr erwünscht war, dass sie aufhören soll zu kämpfen. Manchmal hat sie versucht sich aufzusetzen und dann musste ich sie schlagen, verstehen Sie, man braucht keine große Kraft, um den Willen einer todkranken Frau zu brechen, es reicht eine gewisse Finsternis, meine Finsternis, und ich besaß immer genug Finsternis für uns beide.

‚Es geht auf zur Hölle'

habe ich manchmal gesagt, wobei ich ansonsten geschwiegen habe, eigentlich immer geschwiegen habe,

als ich sie noch nicht belog. Auch der Geschlechtsakt war verlogen, können Sie es sich vorstellen, ein Geschlechtsakt, bei dem ihr jede Bewegung schmerzte, jede Bewegung Qual war, ein Geschlechtsakt als Pflichterfüllung, denn sie kannte ihre Pflichten, kannte sie bis zuletzt, diese Hure. Ich war immer so zornig, wenn ich sie gefickt habe, ja, ich sehe es, ich habe es vor Augen, sehen Sie es auch? Ich war immer so zornig, weil mich der Geschlechtsakt an ihren Betrug erinnert hat, weil jeder Geschlechtsakt Betrug war, wenn nicht sogar insgesamt jeder Geschlechtsakt Betrug ist, verstehen Sie, Betrug. Milliarden von Samen habe ich in meinem Leben auf und in ihr vergossen, Finsternis gesät, warten Sie, sehen Sie den Mann dort vorne?"

Er weist mit der Hand auf einen Obdachlosen, der am Straßenrand in sich zusammengesunken eingeschlafen ist, der noch nicht dort war, als wir zum Friedhof gingen.

„Kommen Sie",

sagt er und wir treten zu der traurigen Gestalt, die dort sitzt, wie auf den Asphalt gegossen.

„Was sind Sie nur für eine traurige Gestalt?",

sagt der alte Mann und ich blicke mich auf der Straße um, weil mir die Situation unangenehm ist, weil ich nicht will, dass man uns beobachtet, aus den unzähligen Fenstern heraus, die in unsere Richtung blicken.

„Hören Sie mich",

sagt er und stößt den Obdachlosen mit der Hand grob gegen die Schulter.

„Ich kenne Sie, oh ja, ich kenne Sie."

*

„Wenn man alt ist und in unseren Zeiten lebt",

sagt er zu mir,

„dann kennt man viele Menschen aus dem Krieg, kennt Sie als Täter, Verräter oder einfach als Opfer. Dieser Mann hier war ein Täter und in seiner Eigenschaft als Täter ebenso Opfer. Ist es nicht so?",

sagt er zu dem Obdachlosen, der langsam zu sich kommt, den Kopf aufrichtet, uns betrachtet.

„Dieser Mann war bei der Gestapo",

sagt er, nun mehr zu sich selbst,

„verstehen Sie die Ironie des Lebens? Damals gab es keine Obdachlosen, weil es die Gestapo gab und weil die Obdachlosen entweder zur Gestapo befördert oder von der Gestapo erschossen wurden. So ist das Leben, Fortuna, es tauscht die Rollen und nun sehen Sie sich dieses arme Geschöpf an. Ich verachte Sie",

fährt er den Obdachlosen an und tritt ihm mit dem Bein in die Seite.

„Wir sollten weitergehen",

sage ich, blicke mich immer wieder um, doch niemand kümmert sich um uns, obwohl ich sicher bin, dass man uns beobachtet.</p>

„Wo ist Ihre Disziplin geblieben?",

ruft er empört und tritt noch einmal nach dem hilflosen Mann, dessen Gesicht vor Schreck erstarrt ist und der uns seine schmutzigen Hände sich verteidigend entgegenreckt.

„Ich glaube an die Finsternis",

predigt der alte Mann, wobei er noch immer streng nach unten sieht, wie ein zorniger Richter,

„auf dass es keine andere Finsternis neben ihr gebe, und kein Sabbat ist mir heilig, ich habe nie meine Eltern geehrt, ich habe die Ehe gebrochen, gestohlen, ich habe meine Frau belogen, belogen habe ich sie, jeden Knecht, jede Magd, jedes Kind, jeden Esel habe ich begehrt, lachen Sie nicht, obwohl mir niemals jemand nahe stand. Begreifen Sie das? Kommt Ihnen das bekannt vor? Aber ich gehe aufrecht. Ich habe diesen Mann morden sehen, habe gemeinsam mit ihm gemordet, doch heute gehe ich aufrecht, während er zu nichts als zu einem bettelnden, schwachen Stück Fleisch verkommen ist. Wollen Sie Geld?",

fragt er plötzlich den Obdachlosen und lacht ein böses Lachen, als dieser immer wieder nickt, bittend seine Hände hochhält, die gerade noch zur Verteidigung  vorgestreckt waren.

„Verstehen Sie",

sagt er zu mir,

„begreifen Sie, wie determiniert er ist, unabhängig davon, dass jeder und alles determiniert ist, erscheint mir doch dieses Objekt am determiniertesten.

Ich brauche nur ‚Geld' zu sagen und er ist mir hörig, verstehen Sie, er ist meine Hure, und dieser Mann war einmal mein bester Freund, soweit es so etwas wie Freundschaft überhaupt gibt."

Er spuckt auf den Boden, denkt kurz nach und spuckt dann noch einmal aus, auf den Obdachlosen.

„Sehen Sie, dieser Mann ist ein seltsamer Grenzfall. Er ist seinen Trieben gefolgt, hat ein unreines Leben geführt, so wie ich, aber er ist doch schwach, schwächer als ich, verstehen Sie? Deshalb empfindet er Schuld, weil er diese Schuld nicht früh genug in seiner Finsternis versenkt hat, weil er seine Schuld erkannt, aber nicht versenkt hat. Würde ich eine Waffe bei mir führen, hätte ich ihn erschossen, ohne Wort, ohne Bedeutung, so wie man eine Dose öffnet oder das Licht anschaltet und glauben Sie mir, er wäre mir dankbar gewesen. Er sitzt dort und wartet auf eben diese Kugel, die ihm verwehrt bleiben wird. Ich habe keine Waffe, weil sich die Zeiten geändert haben, weil niemand mehr die Straßenränder von jenen säubert, die finster, aber zu schwach sind. So muss er weiter hier sitzen bleiben, weiter sitzen und frieren, weiter sitzen und hungern, weiter sitzen, bis er stirbt, angewiesen auf Barmherzigkeit und Heuchelei."

Er streicht ihm mit der Hand durch das feuchte, schweißnasse Haar, krallt dann plötzlich seine Hand darin zusammen und zieht ihn ein Stück zu sich empor, so dass sie sich in die Augen blicken.

„Es geht auf zur Hölle",

sagt er,

„auf zur Hölle derer, die schwach sind. Grüßen Sie meine Frau!",

sagt er, wendet sich ab und wir gehen weiter

*
Wir gehen gerade an einer Kirche vorbei, als er plötzlich anhält, einen Moment nachdenkt und mich dann ansieht:

„Lassen Sie uns in die Kirche gehen",

sagt er dann,

„ich möchte beichten!"

Ich nicke und er lacht.

„Nein. Glauben Sie es im Ernst? Warum sollte ich beichten?  Ich lebe gar nicht mehr lange genug, um alle meine Sünden zu beichten. Warum sollte ich damit beginnen?, wo es doch auch keine Sünden gibt, wo alles Natur ist, nein, ich finde es zuweilen lustig die Menschen zu beobachten, die dort beten, ja, zuweilen ist es mir eine große Freude, sie dort zu beobachten, wenn sie beten, verstehen Sie, es bringt mich zum Lachen, kommen Sie, nun kommen Sie schon. Ich werde Sie nicht enttäuschen."

*

„Manchmal denke ich an meine Tochter",

sagt er, als wir auf einer der hinteren Bänke in der fast leeren Kirche sitzen. Es ist kalt hier, so wie es meist kalt in Kirchen ist, und ich blicke mich um, betrachte den Kreuzweg, die bunten Fenster, die vielen Kerzen.

„Ich denke an meine Tochter, aber ich habe kein Bild von ihr in meinem Kopf, verstehen Sie, ich stelle mir manchmal vor, wie sie wohl aussieht, meine Tochter, und dann frage ich mich, ob sie wohl einen Teil meiner Finsternis geerbt hat, ob auch sie Finsternis in sich trägt. Verstehen Sie die Brisanz dieser Frage? Wird meine Finsternis mit mir absterben, vergehen, an dem Tag, an dem sich meine Krankheiten gegen mich verbünden, oder ist es mir gelungen einen Teil weiterzugeben? Es sind jene Momente, jene heuchlerischen weil religiösen Momente, in denen ich mich frage, was mit meiner Finsternis geschieht, wenn ich sterbe, jene Finsternis, deren Kleid ich so sorgsam mein Leben lang gewoben habe. Es sind meine schwächsten Momente, in denen ich so denke, denn es ist falsch so zu denken, weil ich ja auch zweifle, zweifle, ob meine Finsternis tatsächlich einzigartig ist. Sie ist finster, das steht außer Frage, aber ist sie vielleicht nur für mich einzigartig. Ich weiß es nicht. Wie sollte ich es wissen? Verstehen Sie, nach meinem Tod wird sie also erst recht nichts Besonderes mehr sein, ihre Einzigartigkeit verlieren, aber wird es sie noch geben?"

Dann lacht er.

„Lassen Sie uns ein Licht entzünden, dort vorne",

ruft er und weist mit der Hand auf einen schwarzen Tisch mit Lichtern.

„Lassen Sie uns ein Licht für meine Finsternis entzünden",

ruft er noch einmal, diesmal so laut, dass seine Stimme hohl von den Wänden zurückgeworfen wird.

*

„Ich trage solchen Zorn in mir",

 sagt er, als er behutsam ein Licht an einem anderen entzündet.

„Begreifen Sie diesen Zorn?",

fragt er mich und ich weiß nicht, ob ich nicken oder mit dem Kopf schütteln soll.

„Sehen Sie dieses gewaltige Haus, das man für eine Lüge errichtet hat, und es gibt unzählige solcher Lügenhäuser, überall auf der Welt. Verstehen Sie diese Heuchelei? Man predigt Barmherzigkeit, während sich die Menschen auf den Straßen zusammenrotten, auf den Straßen hungern, auf den Straßen frieren, die Straße prostituieren mit ihrer Armut, doch man errichtet Lügenhäuser für Geister, Lügenhäuser für Geister überall auf der Welt, so viele Lügenhäuser, dass es ein Leichtes wäre, den Armen, den Schwachen dieser Welt dort Schutz vor dem kalten Wind unserer Zeit zu bieten, aber es sind eben die Schwachen, die Armen, die ihr prostituiertes, ihr erbetteltes Geld in die Kollekte werfen, in die Kollekte für neue Lügenhäuser.

Absolution für den Papst",

schreit er, doch es ist niemand da, der auf uns achtet.

Dann ist er auf einmal wieder ganz ruhig.

„Vielleicht sollte ich, falls sich meine Krankheiten einmal gegen mich verbünden, mein gesamtes Hab und Gut der Kirche spenden, damit sie noch mehr dieser Lügenhäuser errichtet. Was meinen Sie?",

fragt er mich und lacht.

„Es ist finster hier",

sagt er dann,

„vielleicht fühle ich mich deshalb manchmal heimisch, wenn ich durch diese Pforten schreite, finster ist es hier, und mit jeder Kerze, die hier brennt, wird es finsterer.

Verstehen Sie, die Finsternis hat nichts mit dem Licht zu tun, das habe ich Ihnen doch erklärt",

sagt er und entzündet eine weitere Kerze.

 

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3.4.08 18:06
 


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smooth (11.4.08 20:41)
FETTTTTT

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