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Carl Mohnhaupt - Textauszug - Die Geigenpassage

Carl Mohnhaupt - Auszug - Die Geigenpassage

Ich warte noch ein wenig, bis ich glaube, dass ich mir ihrer Aufmerksamkeit tatsächlich sicher sein kann und wirklich breitet sich, nach einigen energischen Blicken meinerseits und dem einen oder anderen stummen, entschuldigenden Nicken ihrerseits eine fragile aber fast vollständige Ruhe aus. Ich habe mich ein Stück abseits von ihnen gestellt, die Augen nun geschlossen und versuche meinen Platz in dieser Ruhe zu finden. Diese Ruhe ist mir wichtig und genauso, wie die geschlossenen Augen, Teil meines Rituals, dass ich unbedingt benötige, bevor ich spiele, weil ich es immer so getan habe. Bereits in den Anfängen meines Spiels, damals, als das Wort Ouvertüre noch fremd und unbegriffen war, habe ich es so getan, die Augen geschlossen, bis ich in der Stille den Anfang meiner Melodie fand. Ab diesem Punkt war es mir immer egal wer vor mir saß, die Großeltern, ohne Regung, Arm in Arm, wie in Stein gegossen, die Mutter, die bereits bei den ersten Klängen ihre Tränen der Rührung nicht mehr zurückhalten konnte, der Vater, dessen Aufmerksamkeit ich mir nie wirklich gewiss sein konnte und der gerne die Zeit während meines Spiels nutzte, um sich noch einige berufliche Details, die ihm dann oft einfielen, in sein Notizbuch zu notieren, der Geigenlehrer, der immer im Takt mit seinem Stock durch die Luft fuhr, wie um die Fehler und Ungenauigkeiten aus dem Stück zu fischen.

Alle diese Gesichter verschwammen stets, wenn ich die Augen schloss, wurden blasser und farbloser, bis sie in ihre kleinsten Pigmente zerfielen und es nur noch mich gab, mich und die Melodie, die nur aus der vollkommenen Stille heraus erwachsen konnte und bis heute kann. Gerade habe ich den Moment gefunden, nähere den Stock vorsichtig, aber bereits in Erwartung des ersten Tones den Saiten an, als ein seltsames Geräusch meine Konzentration zerreißt und ich den Geigenstock wieder sinken lasse. Die wundersame Leere, das absolute Schwarz in meinem Blick implodiert und obwohl ich die Augen noch immer geschlossen halte, die Lider sogar noch fester aufeinander presse, sehe ich Kalinka vor mir und wie ein besonders ekelhafter Schluckauf ihren Körper zum Schwingen bringt, und dann wieder dieses Geräusch, wie das Gebelle eines vergifteten Hundes. Ich warte noch einen Moment, hoffe, dass das Dunkel zurückkehrt, die Stille, die Konzentration, die ich benötige, doch da ist es wieder, dieses Geräusch und als würde es nicht reichen, um ihre Taktlosigkeit zu verdeutlichen, bricht sie auf einmal in ein stockendes Lachen aus, so wie man lacht, wenn man die betretene Beklemmung der anderen in etwas anderes verwandeln möchte und sei es auch nur Mitleid, aus dem heraus die anderen über die Makel ihres Körpers lachen. Und immer noch lacht Kalinka, hell und tief, zart und rau, immer wider durchbrochen, von jenem Glucksen und tiefen, pfeifenden Atemzügen, mit denen sie Luft durch ihre beengten Lungenflügel presst. Ich hätte es wissen müssen und wahrscheinlich habe ich es gewusst, weiß es jetzt und denke, wie wahnsinnig doch diese Hoffnung war, dass es möglich wäre ein Stück Kultur in diese dekadente Gesellschaft zu tragen, doch ich will auch nicht aufgeben, möchte nicht diese Partitur, die Note um Note ihren Platz in meinem Herzen gefunden hat, vor diesen tierischen, schamentleerten Lauten verstecken, die aus dem Magen von Kalinka, diesem Hohlkörper der Boniertheit in die Stille des Raumes dringen. So warte ich, halte meine Augen geschlossen, lausche auf die harten, klopfenden Geräusche, als wahrscheinlich der General mit der flachen Hand auf ihren Rücken schlägt und wünsche mir, dass er fester schlägt, dass er den Punkt in ihrem Rückrad findet, an dem dieser monströse Körper verwundbar und schwach ist, die Achillesferse dieses Drachens und dann ist es auf einmal still, zwei Sekunden, drei Sekunden und ich begreife meine Chance, setze den Stock an, lasse ihn über die Saite gleiten und genieße jenen ersten Ton, der immer der gleiche ist, weil er sich zu erhaben aus dem Instrument erhebt, um klassifiziert zu werden. Schnell findet jeder Finger seinen Platz, jene vertraute Stellung, in der sie Tausende von Malen die Saiten strafften, führe den Bogen, ziehe den Ton in die Länge, so dass der zarte Klang meiner Geige den Raum füllt und ich kann mich konzentrieren, es gelingt mir alles zu verdrängen, was fremd ist und ich öffne die Augen.     

Ich habe den Weg in mein Spiel gefunden, bin eins mit meiner Geige, aus Fleisch wird Holz und aus Holz wird Fleisch, ich habe das Gefühl richtig zu handeln, jene Genugtuung die entsteht, wenn man die schwierigen Passagen meistert, improvisiert, Töne trifft, die so schwer zu treffen sind und als mein Blick über die Gesellschaft streicht, erkenne ich, dass dies in Teilen auch wahrgenommen wird. Die Frau des Architekten, die augenscheinlich am meisten Verständnis und Zugang zur klassischen Musik besitzt, bekommt feuchte Augen, die Gastgeberin folgt mit dem Kopf dem vorgegebenen Takt selbst der General schenkt mir ein huldvolles Lächeln, dass so viel besagt, dass mein Spiel ihn zumindest nicht stört. Auch Kalinka hat ihren Schluckauf überwunden und glotzt mich an wie ein Schimpanse, den man unversehens mit seinem eigenen Spiegelbild konfrontiert und wieder schließe ich die Augen, bereite mich auf den schwierigsten Teil des Stückes vor, jene Passage, in der ich nicht nur jeden einzelnen Ton, sondern auch Lautstärke und Tempo in kompliziertester Kombination zur Harmonie führen muss und kann und dann kommt er, jener Moment, in dem ich mich in meinem Spiel verliere, jener Zustand, der immer der Bote höchster Kunst ist, jenes Gefühl, dass ich keinen Einfluss mehr habe, nichts mehr bin als ein Medium, dass die Eingebung von irgendwo empfängt, um sie unbegriffen, unreflektiert und rein, an die anderen weiterzugeben, die keinen Zugang zu jenem Ort haben, der für mich Inbegriff jeglicher Form von wahrer Inspiration ist, meine Gedanken sind weit fort, mein Körper mechanisch, jene göttliche Leere umfängt mich und gibt jeder Reflexion freies Spiel. Ich erinnere mich, wie ich durch den Wald renne, hinter mir sind Stimmen, viele Stimmen, die meinen Namen rufen, die meinen Namen schreien, überall ist das Knacken von Ästen und das Brechen von Zweigen unter feindlichen Kinderfüßen. Es ist mein Vorteil, dass ich den Wald kenne, seine Verstecke kenne, doch vielleicht ist es auch mein Fluch, da ich ansonsten nicht flüchten müsste. Ich kenne die Gesichter derer, die mir folgen, kenne sie alle, denn es sind meine Schulkameraden, diejenigen, die mich hassen, weil ich schwach bin, genau wie diejenigen, die mich jagen um sich zu profilieren, zu zeigen, dass sie stark sind, eben wie jene, die es aus Langeweile tun. In der Nähe höre ich bereits den Bach, der am Eingang meines Versteckes den Wald in zwei Teile schneidet und den man ohne weiteres mit einem beherzten Sprung überwinden kann, renne, atme Feuer, Hügel empor, Hügel hinunter, kein Blick nach hinten, weil ich weiß, dass sie dort sind, stolpere fast über eine Wurzel, doch ich fange den Sturz ab, weiche einem tiefhängenden Zweig aus, Schlamm spritzt über meine nackten Schienbeine. Dann, endlich, erreiche ich mein Versteck, renne einfach weiter, hinein, durch tiefhängende Äste und Dornenranken, die blutige Kratzer in mein fliehendes Fleisch reißen, lasse mich fallen, lausche auf meinen keuchenden Atem, der sich in der Geborgenheit des Versteckes langsam beruhigt, lausche auf die Rufe der anderen, die sich in die verschiedensten Richtungen zerstreuen, rolle mich zusammen, wie ein verwundetes Tier, weine dicke, salzige Tränen, spüre, wie sich mein Körper langsam beruhigt und träume davon einmal jener zu sein, der jagt, Teil jener zu

sein, die gemeinsam ihr Opfer hetzen.

„Ich möchte mich nie wieder verstecken",

denke ich, atme tief durch und setze den Geigenstock ab, öffne die Augen und blicke in die Gesichter der versammelten Gesellschaft.

 

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3.4.08 18:09
 


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